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Reportagen und Rezensionen

"Törn zum ich" von Verena Bosslet
SEB Reportage / Volvo Ocean Race
Wilfried Erdmann, "Allein gegen den Wind"
Alvah Simons Buch "Nördlich der Nacht"
Peter Nichols, "Allein auf hoher See"
Norbert Sedlacek, "Icelimit"
Toni Caviezel, "Pura Vida"
Monika Streller, "Wer wird Admiral?"
Helge Sach, "Katamarane - Das Buch"
Bettina Haskamp, Gerhard Ebel, "Untergehen werden wir nicht"
Klaus Hympendahl, "Yachtpiraterie - Die neue Gefahr"
Gerd Engel, "Kurs Gletscherfeuer"
Arthur M. Neufeldt, "Törn in den Tod"
Thomas Gately Brody, "Die letzte Regatta"
Klaus Nölter, Johanna Michaelis, "Der erfüllbare Traum"
Rudolf Wagner, "Kokosnüsse satt"

"Törn zum ich" von Verena Bosslet

Andere träumen ihr Leben lang davon. Wir haben unseren Traum gelebt. 15 Monate bin ich zusammen mit meinem Freund über das Mittelmeer geschippert. Es war eine wunderbare Reise in andere Länder, zu anderen Menschen, aber vor allem zu uns selbst.

Die Schmerzgrenze ist erreicht. Seit 20 Stunden haben wir nicht mehr geschlafen, sind klitschnass, haben Hunger und die Nase voll. Der Wind heult uns mit Stärke 8, in Böen auch 9, um die Ohren. Das Wetter ist gegen uns, das Meer macht uns mit seiner kabbeligen See das Leben schwer. Wir wollen nach Sardinien. Daraus wird nichts. Schon zu zweiten Mal müssen wir uns diesem verdammten Meer beugen. 130 Seemeilen vorm Ziel kehren wir um, zurück nach Menorca. Die Balearen lassen uns nicht los. Frust nach fünf Monaten Auszeit.

Nein, so habe ich mir das nicht vorgestellt, als wir im April 1999 Deutschland hinter uns lassen. Euphorisch bin ich, träume von der Türkei, Zypern. Und natürlich von der Freiheit auf dem Wasser, von der ich in zahlreichen Büchern von Weltumsegler Wilfried Erdmann oder dem berühmten Franzosen Eric Tabarly gelesen habe. Freiheit, endlich! Frei von den Zwängen des Alltages, frei von Verpflichtungen und Regeln, frei vom Konsumzwang. Reisen, wohin der Wind uns bläst. Das war's, wonach ich mich sehnte.

Aussteigen? Das ist nicht schwer. Und es tut auch nicht weh. Im Gegenteil: Den gut bezahlten Beruf, die schöne Wohnung, die drei Motorräder, die Freunde - letztlich das Zuhause - aufzugeben, ist das kleinere Problem an der Geschichte. Nichts ist befreiender, als sich endlich guten Gewissens von altem Gerümpel und verstaubten Erinnerungen trennen zu dürfen. "Ich habe mich beim Entrümpeln gleich selbst entstaubt", sage ich immer, wenn mich Menschen nach dem Beginn unseres Aussteiger-Jahres fragen. Ich empfinde es heute noch so.

Das eigentliche Aha-Erlebnis zeigt sich anders: Von 180 auf null, vom stressigen Beruf in das alltagslose Nichtstun – ein Schock. Eine Erkenntnis, die mich die ersten sechs Monate unseres Törns außer Gefecht setzt. Im kalten Norden Deutschlands sitzen die Freunde und platzen vor Neid. Ich lebe auf einem wunderschönen Boot unter der Sonne des Südens, habe das, wovon andere nur träumen können, und will meinen einst so verhassten Alltag wieder, das Gerüst, das mich sicher durch die Woche führte. Verkehrte Welt. Ich kann es kaum glauben: Ich habe soviel Freiheit, dass sie mich überfordert. Loslassen - ich muss es lernen. Sehr zum Leidwesen meines Freundes, der mit dem Sprung vom Land aufs Wasser keine Probleme hat.

"Kannst Du nicht mal zwei Minuten genießen?", fragt Robert entnervt. Nein, kann ich nicht. Mir dauert alles zu lange. Die Entdeckung der Langsamkeit schon ein paar Tage nach unserem Ausstieg: Das ist zuviel des Guten. Wir dümpeln mit "Waruna" zwischen dem spanischen Festland und Ibiza. Schwache umlaufende Winde, kurz Flaute: Das macht mich wahnsinnig. Es sind nur lächerliche 60 Seemeilen bis zu der schönen Balearen-Insel. Wir brauchen dafür 17 Stunden. So ist das nun mal beim Segeln, könnte der Fachmann sagen. Mir doch egal. Wofür haben wir einen Motor? Jedenfalls nicht, um damit nach Ibiza zu tuckern.

Das fängt gut an. Die erste Lektion meines Lehrgangs "Wie genieße ich das Fahrtensegler-Dasein im Mittelmeer" bestehe ich nur mit Mühe. Wir sind die Sklaven des Wetters. Und das Leben auf einem Schiff, das lediglich 7,93 mal 4,32 Meter misst, ist schwieriger als erwartet. Trotz der zwei Rümpfe: Ich kann nicht mal mehr alleine auf die Toilette gehen. Es gibt keinerlei Privatsphäre. Wenn ich an Deck dusche, kann jeder verzückt zuschauen. Robert und ich sind 24 Stunden 365 Tage im Jahr zusammen. Das stellt die langjährige Partnerschaft auf eine harte Probe. Aber: Wir lernen uns so intensiv kennen, wie es nur wenigen Paaren vergönnt ist. Und wir schaffen es. Unser gemeinsamer Traum entzweit uns nicht.

Ich bin zu sehr mit mir beschäftigt. Die ersten sechs Monate unserer Reise denke ich soviel über mich nach, träume so intensiv wie schon lange nicht mehr. Kein Wunder: Wenn der Beruf das Leben bestimmt, bleibt für Selbstreflexion keine Zeit. Dieses Manko bekomme ich mit voller Wucht zu spüren. Ich verarbeite alles, was ich durch den Stress im Job verdrängt habe, schreibe mir Frust und Enttäuschung von der Seele. Aber ich spüre von Tag zu Tag, wie ich Platz in meinem Kopf schaffe - Freiraum für das Leben auf dem Wasser mit allen Vor- und Nachteilen.

Viel ist passiert seit dem gescheiterten zweiten Versuch, nach Sardinien zu segeln. Wir lernen John und Fae von der "Tirla" (www.Tirla.co.uk) kennen. Das Paar aus London lebt auch auf einem Wharram-Kat und sucht für den Winter "Boatsitter" für ihr 14-Meter-Schiff. Wir bekommen den Zuschlag und verbringen zwei wundervolle Monate auf einem luxuriösen Zweirümpfer in La Savina, dem Hafen von Formentera. Das Paar heuert uns anschließend als Crew für den 1200 Seemeilen langen Überführungstörn "Tirlas" nach Griechenland an. So kommen wir doch noch ins östliche Mittelmeer, wenn auch nicht mit unserem eigenen Boot.

Herrlich: Ich habe Nachtwache. Die Crew schläft. Mit sechs Knoten Fahrt rauscht das Schiff durch die friedliche, sturmfreie Nacht. Über mir funkeln die Sterne. Am Bug spielen Delfine mit der Welle, die der Katamaran wirft. Keine Szene aus einem Kitsch-Film: Das ist Segeln. Noch 24 Stunden, dann müsste Kefallonia aus dem Ionischen Meer auftauchen – die Endstation unseres Mittelmeer-Törns.

Vergessen die zermürbenden Tage im Kampf mit der Natur, abgehakt die Auseinandersetzung mit mir selbst. Ich höre auf, an Zuhause zu denken und die Daheimgebliebenen zu beneiden. Ich lerne, Robert auf unseren Törns zu gehorchen. Und ich erkenne, dass ich meine - mir so wichtige - Selbstständigkeit nicht aufgebe, nur weil ich Kommandos des Skippers mit einem Ja befolgen muss. Das gehört nun einmal zu einer funktionierenden Seemannschaft.

Ich genieße die Einfachheit unseres Lebens. Tagelang hängen wir in einsamen Buchten am Anker, bleiben so lange wie es uns gefällt. Segeln um jeden Preis, das muss nicht mehr sein. Wir haben wenig Geld im Monat zu Verfügung. Aber wir brauchen auch nicht viel. Kleidung spielt keine Rolle. Ein paar T-Shirts, Shorts und Sandalen reichen zum Glücklich sein. Am Ende der 15 Monate werden wir 12 000 Mark verbraucht haben. Den Sommer verbringen wir zumeist nackt auf und in unserem kleinen Zuhause. Geduscht wird kaum. Wir haben schließlich eine große Badewanne um uns herum. Wenn's denn mal Süßwasser sein soll, dann aus der Solardusche: fünf Liter für zwei Leute.

Viele Dinge, die uns früher wichtig erschienen, werden zur Nebensache, einst Nebensächliches zum Mittelpunkt des neuen Alltages: Lebensmittel und Wasser besorgen, Kochen, Waschen. Ein schwarzer Eimer wird zum Klo umfunktioniert. Wir benutzen ihn auch zum Wäsche waschen und Geschirr reinigen. Gekocht wird auf einem einflammigen Gasherd. Ich entdecke meine Vorliebe für Top und Pfanne. Dabei galt bei mir früher das Motto "Wer sich nicht wehrt, landet am Herd." Die Haare schneiden Robert und ich uns gegenseitig. Konsum? Wir brauchen ihn nicht mehr. Das ist Freiheit.

Eine Freiheit, die wir uns auch nach einem halbem Jahr in Deutschland bewahrt haben. Warum wir zurückgekehrt sind? Ganz einfach – die Reisekasse war leer. Robert und ich haben sofort nach unsere Rückkehr Arbeit und eine kleine Wohnung gefunden. Wir haben immer noch das Gefühl, zu Besuch in der Heimat zu sein, nur eine Übergangsphase bis zum nächsten Törn hinter uns zu bringen. Wir sind körperlich da, innerlich aber so weit weg, wie es nur die verstehen können, die selbst schon einmal eine Auszeit genommen haben.

Ich werde die Worte von Mathilde aus Nürnberg nie vergessen. Ich treffe den flippigen Spät-Hippie mit dem alten Mini-Cooper kurz vor unserer Heimreise auf der rostigen Fähre nach Ibiza. Die 40-Jährige will einen Sommer aussteigen, auf Formentera leben, ein bisschen kunsthandwerken. "Es ist nicht schlimm, zurückzukehren", sagt Tilly fröhlich. "Wenn Ihr merkt, dass Ihr in Deutschland nicht mehr klar kommt, dann könnt Ihr einfach wieder gehen." So ist's.

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SEB Reportage / Volvo Ocean Race

Travemünde – Der Spinnaker schleift im Wasser. So soll das eigentlich nicht sein. Aber die Yacht macht, was sie will, dreht in den Wind, liegt plötzlich schräger. Nur die Ruhe: Frau am Steuer. Thomas Blixt nimmt's gelassen. "More to starboard, mehr nach Steuerbord", sagt der Skipper der "SEB III" milde lächelnd und zeigt nach rechts. Die Handbewegung hat er in diesen Tagen schon häufiger gemacht.

Der Schwede schippert mehrmals täglich bis zu zwölf Gäste der Skandinaviska Enskilda Banken (SEB) vor Travemünde über die Ostsee. Törns mit einem High-Tech-Boot, die einen Hauch von Segelabenteuer vermitteln sollen. Einmal auf der hohen Kante sitzen, nachempfinden, was den Mannen des schwedischen Syndikats blühen kann, wenn sie sich am 23. September vom südenglischen Southampton aus auf den Weg machen - einmal um die Welt. Volvo Ocean Race Round The World heißt das Zauberwort.

Für die legendäre Hochseeregatta, die sich noch bis 1998 Whitbread Race nannte, wird in diesen Wochen fleißig getrommelt. Da macht SEB keine Ausnahme. Immerhin will das Unternehmen mit der achten Auflage des Rennens seinen Bekanntheitsgrad europaweit steigern. Die Gäste-Törns sind da ein wirkungsvolles Marketing-Instrument. 20 Millionen Dollar investiert der schwedische Finanzdienstleister in das Projekt, konnte sich als eines von wenigen Syndikaten Trainingsboote wie die Ex-"Silk-Cut" oder die Ex-"Toshiba" leisten, während das neue technologische V.O.60-Meisterwerk gebaut wurde.

Die Sparingspartner haben mittlerweile ausgedient. Im Mai taufte die schwedischen Kronprinzessin Victoria die neue Rennziege auf den Namen "SEB". Skipper Gunnar Krantz und seine handverlesene, internationale Crew bereiten sich seitdem im Trainingslager in Göteborg auf den bevorstehenden Marathon über die Weltmeere vor – physisch, mental und technisch. Das Boot wird immer noch optimiert. Dabei hat es seine erste Feuertaufe beim traditionellen Gotland-Runt-Race im Juli bestanden: Platz eins.

Thomas Blixt, selbst Whitbread-Veteran, hat es da im Augenblick etwas leichter. Die Törns auf der Ostsee sind nicht annähernd zu vergleichen mit den Strapazen während der Regatta - ein Rennen gegen die Uhr, gegen das deutsche Syndikat "illbruck"und sechs weitere Boote. Spartanisch ausgerüstet mit dehydrierter Nahrung, einem Satz Klamotten und steinharten Kojen, gerade mal so breit, dass sich ein Körper darin verkeilen kann. Nur die Harten kommen durch.

Das Marketing-Konzept geht auf. Die Gäste-Crew auf der Ostsee ist verzückt. Voller Erfurcht wird die schnittige Rennyacht "SEB III" beäugt, die schon als "Silk Cut" die Welt erfolgreich umrundet hat. Ein 26 Meter langer Mast: oho, ganz schön hoch. 117 Quadratmeter Segelfläche: ziemlich riesig. Und der Spinnaker, das bis zu 300 Quadratmeter große, ballonähnliche Vorsegel: mächtig.

Da fühlt sich der passionierte Folkebootsegler plötzlich ganz klein. Die Katseglerin vergisst vor lauter Respekt wo vorne und hinten ist. Die Crew um Thomas Blixt (fünf Männer, eine Frau) handelt das routiniert. Jesper Ott, Co-Skipper, versorgt die per Schlauchboot von der Travemünder Überseebrücke 1 Übergesetzten erstmal mit wetterfester Segelkleidung und Arbeitshandschuhen. An wasserdichte Hose und Jacke hat kaum einer der Freizeit-Schiffer gedacht. Dabei regnet es wie aus Eimern.

Mit dem Regen kommt der Wind. Wer ist schon mal gesegelt? Eigentlich jeder. Schnelle Einweisung in die Tücken einer V.O.60-Yacht: Wer kurbelt mit wem und wo, welche Schot (Tau) wird wann gelöst, welche dichtgeholt, wie stehen die Segel richtig, wie wird gesteuert. Am Mast zeigen die Instrumente Wind- und Bootsgeschwindigkeit: Elfeinhalb Knoten zu zehn Knoten. Nicht schlecht. Der Ehrgeiz packt die rotgesichtigen, triefnassen Gäste. Schneller. Irgendwie will man den Profis doch zeigen, dass man was kann. Skipper Blixt – ein verwegener Burt-Lancaster-Typ - spornt seine Zwei-Stunden-Crew mit einem kumpelhaften "gut gemacht" zu Höchstleistungen an. Emsig wird gekurbelt, hier getrimmt, da gefiert. Es ist ein bisschen wie im stürmischen Südpolarmeer. Aber eben nur ein bisschen...

Kasten Boot und Rennen

Je leichter, desto schneller: Die V.O.60-Konstruktionen sind High-Tech-Yachten auf höchstem Niveau, vergleichbar mit einer modernen olympischen Jollenklasse im Großformat. Wie in der Formel 1 gibt es auch beim Volvo Ocean Race ein Korsett, das die Bootsbauer beschränkt. Die Racer müssen bei einer Gesamtlänge von 19,50 Metern und einer maximalen Breite von 5,25 Metern mit Mast wenigstens 13 500 Kilo wiegen. Zwölf Mann gehören zur Crew. Es gibt keine Inneneinrichtung und keine Bodenbretter. Der Rumpfboden ist lediglich mit rutschfester Farbe lackiert. Hinter einem Tuch verbirgt sich eine kardanisch aufgehängte Toilette - ein Hauch Privatsphäre auf 15 Quadratmeter Lebensraum. Die Racer sind mit Motoren ausgerüstet, die verplombt werden und nur im Notfall (Mann über Bord) benutzt werden dürfen. 38 verschiedene Segel sind pro Syndikat während des gesamten Rennens zugelassen.

Neun Monate sind die achte Yachten um die Welt unterwegs. Ziel des Volvo Ocean Race ist Kiel, Ankunft 9. Juni 2002. Neun Etappen sind zu absolvieren. Zwölf Häfen werden angelaufen, unter anderem Kapstadt, Sydney, Auckland, Rio und Miami. Infos rund um die Regatta und die Teams gibt es im Internet unter www.volvooceanrace.org, www.sebteam.com und www.illbruck-pinta.com. Deutschlands erfolgreichster Hochsee-Segler Tim Kröger (36) hat außerdem ein Buch über seine Whitbread-Teilnahme geschrieben: "Abgerechnet wird im Ziel", Delius Klasing Verlag Bielefeld. vb

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Wilfried Erdmann, "Allein gegen den Wind"

Nach 312 Seiten sind wir angekommen. Schade. Wir hätten mit Wilfried Erdmann gleich noch einmal um die Welt segeln können. Dann vielleicht mit dem Wind, damit wir nicht soviel Nerven verlieren, graue Haare und Falten bekommen, wenn uns mal wieder der Wind unermüdlich wütend auf die Nase pustet, uns Wellenberge zu verschlingen drohen, es nicht vorwärts geht. Aufregend, spannend, traurig, deprimierend, euphorisch, erhebend war die Reise, die wir Dank Erdmanns neuem Buch "Allein um die Welt" bis ins Kleinste miterleben dürften – die Geschichte einer Weltumseglung gegen die vorherrschende Windrichtung in 343 Tagen.

Der Mann aus dem schleswig-holsteinischen Goltoft an der Schlei hat Mumm. Da macht er sich auf seine alten Tage mit eben 60 Lenzen auf, die Welt alleine und nonstop gegen den Wind zu umrunden. Hut ab. Das war kein leichter Brocken. Aber der Extremsegler, der sich selbst gar nicht als exterm empfindet, hat's vollbracht. Als erster Deutscher und fünfter Segler überhaupt umsegelt das Nordlicht mit seiner 10, 60 Meter Alu-Yacht "Kathena nui" den Globus "falsch herum".

Ein Superlativ. Nicht für Erdmann. Das merkt man dem Buch an. Bescheiden, ehrlich, erfreulich offen können wir teilhaben an seinem Schicksal. "Ich könnte schreien vor Glück", notiert er in sein Logbuch. "Alles im Lot: Wind, See, Schiff, Kurs, ich." Ein andermal: "Alle Löcher in der Kajüte zugestopft. Druck fällt weiter. Ich kann nicht mehr - bitte." Es ist ein Auf und Ab der Gefühle, eine Reise in die Seele des Skippers, der kurz davor ist, seine Grenzen zu überschreiten. Hunger, Einsamkeit, Verletzungen, die Gewalt der See: Wir dürfen mitfiebern. Schön.

Wilfried Erdmann, Allein gegen den Wind, Delius Klasing, 312 Seiten, 22,90 Euro

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Alvah Simons Buch „Nördlich der Nacht

Gut, dass draußen der Sommer an die Tür klopft, die Pflanzen blühen, die Tage immer länger werden. Sonst könnte bei der Lektüre von Alvah Simons Buch "Nördlich der Nacht - Meine Reise ins ewige Eis" glatt die Nase abfrieren und die Eiszapfen von der Decke wachsen. Der Amerikaner nimmt seine Leser mit auf eine Reise nördlich des arktischen Breitengrades. Gemeinsam mit Ehefrau Diana, Katze Halifax und Stahl-Segelboot Roger Henry lässt er sich Anfang der 90er einen Winter im ewigen Eis einfrieren. Ein Abenteuer, ohne Eisbärenausbildung nicht wirklich zur Nachahmung empfohlen, aber dafür äußerst lesenswert.

Bevor Alvah Simon aufbricht, sich seinen größten Traum zu erfüllen, segelte er bereits 13 Jahre um die Welt. Er kannte so gut wie alle Winker des Planeten. Die Arktis sollte das I-Tüpfelchen werden. Sie wurde es, härter und unwirtlicher als erwartet. Unendlich lange Polarnächte, tosende Blizzards, wütende Bären, Eiseskälte, Einsamkeit: Trotz aller intensiven technischen wie psychischen Vorbereitungen treibt die Reise Simon an den Rande des Verstandes. Als seine Frau auch noch überraschend wegen eines Totesfalles in der Familie für ein paar Monate die Ankerbucht Tay Bay verlassen muss, ist der Abenteurer während der langen Polarnächte völlig auf sich alleine gestellt. Nur gelegentlich hat Simon per Funk Kontakt zur Außenwelt. Und Katze Halifax hält ihn auf Trapp.

Das Buch fesselt von der ersten Seite. Alvah Simon versteht es mit seiner lockeren, dennoch äußerst präzisen Schreibe sein Innerstes ohne großes Aufhebens nach Außen zu kehren. Er giert nicht nach Sensationen, sondern erzählt mit philosophischem Ansatz einfach seine Geschichte. Nebenbei vermittelt er dem Leser - scharf beobachtet - Wissenwertes über das Leben der Inuit in einem der gefährlichsten Lebensräume der Erde.

Alvah Simon, Nördlich der Nacht, Aufbau Taschenbuch Verlag, 308 Seiten, div. Fotos 8.50 Euro

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Peter Nichols, "Allein auf hoher See"

Neun Männer brachen auf, mit ihren Segelbooten die Welt zu umrunden. Nur einem gelang das Unmögliche: Wenn man nicht schon wüsste, wie die Geschichte ausginge, man würde "Allein auf hoher See" von Peter Nichols nicht eine Sekunde aus der Hand legen. Viel zu spannend ist der Bericht über den späteren Gewinner Robin Knox-Johnson, den Eigenbrötler Bernard Moitessier, den Kämpfer Nigel Tetley, den Betrüger Donald Crowhurst und ihre anderen Mitstreiter, die sich Ende der 60er Jahre in ihrem Booten zum Golden Globe Race um die Welt aufmachten.

Über die legendäre Regatta, die von der britischen Zeitung "Sunday Times" ausgeschrieben worden war und bis heute als historischer Vorläufer aller modernen Einhandsegelregatten gilt, sind schon viele Bücher geschrieben worden. Peter Nichols hat neu recherchiert und seine Ergebnisse zu einer überzeugend runden Geschichte zusammengefasst. Der Journalist beleuchtet die extrem unterschiedlichen Charaktere der Teilnehmer, ihre Motivation, sich den Gefahren dieser Nonstop-Einhand-Weltumseglung auszuliefern. Er analysiert ihren Erfolg, ihr scheitern, ihren Lebenswillen, ihre Todessehnsucht. Dabei hat das Buch keinen einzigen Hänger, der Spannungsbogen hält sich bis zur letzten Seite. "Dieses unglaubliche Abenteuer könnte ein zweiter "Sturm" sein", schreibt der Bookseller auf dem Cover. Stimmt.

Peter Nichols, "Allein auf hoher See", Europa-Verlag, 320 Seiten, 19,90 Euro

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Norbert Sedlacek, "Icelimit"

Extremsegler, die was auf sich halten und ein Buch verkaufen wollen, verfallen zu gern ins Superlativ. So auch Norbert Sedlacek. Sicher hat der Österreicher eine beachtenswerte Leistung abgeliefert: Er ist Einhand und nonstop mit seiner "Oase III" um die Antarktis gesegelt. Von Kapstadt nach Kapstadt in 93 Tagen. Aber warum das gleich zu einem der härtesten Offshore-Segeltörns der Welt werden muss, wie in seinem neuen Buch "Icelimit" angepriesen, bleibt rätselhaft. Das haben vor ihm schon ganz andere hinbekommen. Die sind sogar von Frankreich aus los gesegelt und in Frankreich wieder angekommen. Und es waren Frauen dabei. Der Törn ist also nicht besonders spektakulär.

Das mag der Grund sein, warum er trotzdem zu einem Spektakel aufgeblasen werden muss. Sonst interessiert es niemanden. Leider merkt man das den 366 Seiten an. Das Projekt "Icelimit" beginnt bei Adam und Eva - mit der Bootssuche in Frankreich. Über x-wieviele Seiten beschreibt Sedlacek erschöpfend die großen und kleinen Problemchen rund um den Bau der "Oase III" - bis es endlich zu den einschläfernden Überführungstörns mit Gästen nach Kapstadt kommt. Der eigentliche Törn um die Antarktis beginnt dann schließlich auf Seite 233. Da hat man schon lange keine Lust mehr zu lesen, wie toll der Herr Sedlacek ist. Schade: Weniger wäre mehr gewesen. Und ein anderer Stil, ohne eine gewisse Selbstherrlichkeit des Autors, hätte der Idee besser gestanden.

Norbert Sedlacek, "Icelimit", Delius Klasing, 366 Seiten, 22,90 Euro

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Toni Caviezel, "Pura Vida"

Und noch eine Weltumrundung: Die Schweizer Toni und Vreni Caviezel reisten mit ihrer Yacht "Pura Vida" mehrere Jahre zu zahlreichen, wunderschönen Fleckchen auf dieser Erde. Sie starten in Costa Rica, bereisen die Südsee, Neuseeland und Australien, Südafrika und das Amazonas-Delta. In ihrem Buch "Pura Vida" verspricht das Ehepaar dem Leser eine "etwas andere Weltumseglung". Anders ist sie in der Tat insofern, als dass sie am 20. Juli 1999 endet. Es gibt kaum Bücher, die sich mit dem modernen Blauwassersegeln auseinandersetzen. Die wohlbekannten Bestseller aus alten Tagen von Wilfried Erdmann oder Bernard Moitessier stammen aus den 60er und 70er Jahren. Seit dem hat sich das Fahrtensegeln allerdings gehörig verändert.

Die Caviezels vermitteln dem Leser daher einen neuen Blick auf rappelvolle Ankerbuchten in Neuseeland oder sündhaft teure Einklarierungen im Paradies. Sie zeigen aber auch, dass es durchaus noch einsame Ecken auf dieser Welt gibt und dem Reisenden nahezu überall herzliche Gastfreundschaft entgegengebracht wird. Zwischendurch hat das Buch ein paar Hänger, immer dann, wenn dem Autor Toni Caviezel die Puste ausgeht und er in die stumpfe Wiedergabe irgendwelcher Tagebuchausschnitte verfällt: "Hier ist es sehr schön, das Wetter ist gut, die Leute sind nett. Morgen fahren wir weiter." Im Großen und Ganzen kommen die Geschichten und Anekdoten rund um das Fahrtensegeln aber unterhaltsam und kurzweilig rüber.

Toni Caviezel, "Pura Vida", Delius Klasing, 304 Seiten, 22,90 Euro

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Monika Streller, "Wer wird Admiral?"

Witzig: Der Pietsch-Verlag hat ein unterhaltsames, buntes Rätselbuch für Wassersportler auf dem Markt gebracht. "Wer wird Admiral? Rätsel aus der Seemannskiste" heißt das Werk von Monika Streller. Und wer glaubt, er könne die 50 verschiedenen Zahlen-, Flecht-, Gitter-, Kreis-, Kamm- oder Silben rund um die Themen Seemannschaft, Schiffstypen, Schifffahrtsgeschichte, Länderwissen und Wetterkunde mal eben zwischen Heiligenhafen und Kiel mit Links lösen, der irrt. Da sind schon einige Nüsse zu knacken. Zum Glück stehen auf den letzten Seiten die Lösungen.

Monika Streller, "Wer wird Admiral?", Pietsch-Verlag, 50 Rätsel mit Lösungen, 12,90 Euro

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Helge Sach, "Katamarane - Das Buch"

Segelboote haben nicht immer nur einen Rumpf. Manchmal haben sie auch zwei. Dann sind es Katamarane. Mit den Zweirümpfern beschäftigen sich der erfolgreiche Zarnekauer Tornado-Segler Helge Sach und der Journalist Andreas Kling in "Katamarne - Das Buch". Das Standardwerk für Kat-Segler war zuletzt vergriffen und wurde jetzt mit einigen Ergänzungen neu aufgelegt. So beinhaltet das Buch die neuesten Erkenntnisse rundum den Segeltrimm und gibt auf zehn Seiten übersichtlich und verständlich Trimm-Tipps für alle Wetter-Situationen sowie Kat-Typen. Außerdem zollen die Autoren der rasanten Entwicklung in der Kat-Konstruktion Tribut und geben einen umfassenden Überblick über die aktuellen Produktionen. Sowohl Kat-Einsteiger als auch Regatta-Segler kommen mit dem Buch völlig auf ihre Kosten. Sach und Kling geben einfache Tricks zum An- und Ablegen am Strand, Gewichtsverteilung und Trapezsegeln, aber auch passende Rezepte für Leicht- und Starkwind und taktisches Verhalten auf Regattabahnen in Wort und Bild – für jedermann verständlich.

Helge Sach, Andreas Kling "Katamarane - Das Buch", DSV-Verlag, 204 Seiten, 270 Fotos, 37,80 Euro

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Bettina Haskamp, Gerhard Ebel, „Untergehen werden wir nicht“

Eigentlich will sie mit einem Campingbus durch die Welt kutschieren. Doch dann kommt eine Party in Hannover. Und ein Mann. Der hat einen Traum: ein Schiff bauen, den Job aufgeben, los segeln. Praktisch über Nacht knallt Gerhard während einer Flirt-Fete in Bettinas Leben. Und ehe sich die junge Lebefrau versieht, ist sie vom Bootsbau- und Aussteiger-Virus infiziert. Drei Jahre später, verheiratet und mehr oder weniger glücklich macht sich das ungleiche Paar mit ihrem Sperrholz-Katamaran „Manua Siai“ auf, die Meere zu entdecken - mit allen Vor- und Nachteilen.

Nicht noch ein Buch über eine Weltumseglung, mag man denken. Mit nichten. „Untergehen werden wir nicht“ von Bettina Haskamp und Gerhard Ebel unterscheidet sich herzerfrischend von allem, was es sonst auf dem Markt gibt. So ist es von einer Frau geschrieben, die ihr Handwerk versteht. Bettina Haskamp ist gelernte Journalistin, begann bei einer Tageszeitung und wechselte dann zum Radio-Journalismus. Das liest man diesem Buch in jeder Zeile an. Und: Es ist gnadenlos persönlich. Zwar geht es auch ums Segeln, aber im Vordergrund steht ein ganz intimer Einblick in die zuweilen sehr wirren Gemütszustände der Autorin. Und ist gerade deshalb auch ein wunderbarer Schmöker für Landratten.

Mit viel Sinn für witzige Pointen, selbstkritisch und freizügig beschreibt die heute 42-Jährige ihr Leben mit Gerhard, dem Göttergatten und Besserwisser, während des Bootsbaus und des Törns nach Brasilien und zurück. Turbulente Ehe-Szene auf wenigen Quadratmetern, Sorgen mit dem Sex, Streitereien und x-wie viele Beinahe-Trennungen gehören ebenso zu diesem Törn wie das gemeinsame Gefühl grenzenloser Freiheit und unerschöpflichen Glücks. Trotzdem: Das „vertrackte Paar“ lebt sich auseinander. Am Ende des Traums steht die Trennung. Trotz aller Offenheit wird der Leser nie zum Voyeur.

„Liebe Eva, heute ist ein Scheißtag - nicht nur weil es der dritte Regentag in Folge ist. Ich bin einfach schlecht drauf: Traurig, genervt, aggressiv gegenüber Gerhard, sauer auf mich selbst. Solche Phasen scheinen sich mit denen der Euphorie abzuwechseln“, schreibt Bettina Haskamp am 30. November 2000 an ihre Freundin. Da hatte sie sich bereits von ihrem Mann getrennt und entschieden - wie auch immer - das Boot zu kaufen, alleine weiter zu machen. Ein letztes Mal segeln die beiden gemeinsam aus der Karibik zu den Azoren. 37 Tage Freiheit, bevor das Leben „auf einem anderen Planeten“ sie einholt.

Die Autorin lebt derzeit in Deutschland, arbeitet als freie Journalistin - eher widerwillig. „Ich werde wieder segeln. Auf meinem Schiff, Reisen, schreiben, frei sein. Träume sind eine feine Sache. Noch besser ist es, sie zu leben. Ich hab es einmal getan, ich tu's wieder“, lauten die letzten Zeilen im Buch. Man darf gespannt sein, wie ihre Geschichte weitergeht.

Bettina Haskamp, Gerhard Ebel, Untergehen werden wir nicht, 303 Seiten, Hoffmann und Campe, 21,90 Euro

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Klaus Hympendahl, "Yachtpiraterie - Die neue Gefahr"

Sir Peter Blake - berühmter Regatta-Segler, Meeresforscher, ein Kerl von einem Mann, ein Held - ist tot. Brutal erschossen von Piraten.

Der Neuseeländer ist das bisher prominenteste Oper eines Überfalls. Am 6. Dezember 2001 schockt die Meldung, der berühmte und geadelte Super-Segler sei während einer Expedition in Macapá an der Amazonas-Mündung in Brasilien von einer Horde Piraten ermordet worden. Die Seglerwelt erstarrte. Eine Tragödie. Von üblen Piraten auf den Weltmeeren hatte man immer wieder mal gehört. Aber nun? Wie konnte das passieren?

Klaus Hympendahl (63) schrieb zu dieser Zeit schon an seinem neuen Buch „Yacht-Piraterie - Die neue Gefahr“. „Nie hätte ich mir denken können, über diesen Segel-Champion und seinen Tod zu schreiben“, berichtet der Autor. Er tat es. Und das ist gut. Der Leser erfährt, was an Bord schief gelaufen ist und wie der erfahrene Skipper vielleicht hätte überleben können. Eine Flinte, die - weil schlecht gewartet - nach dem ersten Schuss klemmte, kostete ihn offenbar das Leben. Absurd.

Für sein Buch hat der Hamburger Autor weltweit über 30 Fälle von Yacht-Piraterie recherchiert, Opfer und Überlebende interviewt. Nicht alle wollten mit ihrer Geschichte veröffentlicht werden. Zu tief sitzt das Trauma des Überfalls. Heraus gekommen ist schließlich ein Werk, das einem zuweilen die Haare zu Berge stehen lässt.

Hympendahl hat den Anspruch, keine spektakuläre Grausamkeiten vorzuführen, sondern aus den wahren Geschichten für den Segler wertvolle Hilfestellungen zu entwickeln. Sein Anliegen: Gehe mit kluger Voraussicht und gesundem Menschverstand den Piraten aus dem Weg.

Dass die nüchtern geschriebenen Geschichten dennoch die Sensationsgier im Menschen wecken, lässt sich nicht vermeiden. Das liegt wohl in der Natur. Darum lässt sich das Buch auch so gut am Stück verschlingen. Beispiel: Das schwedische Seglerpaar Bo und Vivi-May Altheden wird am 20. März 2001 vor der Küste Venezuelas angegriffen. Die Piraten schießen dem Skipper in den Unterleib. Vier bewaffnete Männer entern die 14-Meter Stahlyacht „Lorna“. Als sie kein Geld finden, wollen sie der Ehefrau mit einem Küchenmesser die Kehle durchschneiden. Am Ende machen sie sich mit einem Sack voller Ausrüstungsgegenstände davon. Der schwer verletzte Schwede kann einen Tag später gerettet werden.

Klaus Hympendahl räumt rigoros auf mit der heilen Welt der Langfahrten-Segler. Sein Resümee: Mit Yacht-Piraterie muss heute überall dort gerechnet werden, wo Armut und Anarchie herrschen. Piraten könne einfache Fischer sein oder Staatsbeamte, die ihren Clan „den Dreck“ erledigen lassen. Schwerpunkte sind die Küstengebiete von Somalia, der Golf von Aden, Indonesien, Venezuela, Guatemala, Nicaragua, Honduras, Brasilien und die Kapverden. Selbst im Mittelmeer ist der Blauwassersegler vor dreisten Räubern nicht sicher.

Ist die Fahrtensegelei durch Piratenangriffe gefährdet? Klaus Hympendahl sagt klar: „Nein“. Gebiete mit erhöhter Piratengefahr seien auf der Weltkarte verschwindend klein. „Man kann sie meiden.“
Hympendahl hat ein Info-Center für Blauwassersegler ins Leben gerufen. Es findet sich im Internet unter www.yachtpiracy.org.

Klaus Hympendahl, Yachtpiraterie - Die neue Gefahr, 348 Seiten, Delius Klasing, 19,90 Euro

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Gerd Engel, „Kurs Gletscherfeuer“

Gerd Engel - nimmermüder Extrem-Segler, pensionierter Kapitän und Elb-Lotse. Zur Zeit ist der Wahl-Stralsunder mit seinem 19-Meter-Katamaran „Sposmoker II“ im Rahmen einer Weltumseglung auf Kurs Kapstadt. Vor dem Start des Törns hat der 68-Jährige noch schnell ein Buch veröffentlicht, sein 16. - Kurs Gletscherfeuer.

60 Jahre stand Jan Mayen, die Hölleninsel zwischen Grönland und Spitzbergen, auf der Liste Gerd Engels. Im Sommer 2001 erfüllte er sich den außergewöhnlichen Wunsch und segelte mit Crew in den unwirtlichen Norden. Ziel: Jan Mayen erreichen und den vergletscherten Beerenberg besteigen. Ersteres klappte. Der Beerenberg aber wollte nicht bestiegen werden. Das Wetter machte dem ehrgeizigen Kieler einen Strich durch die Rechnung. „Die Reise war die Erfüllung eines Traumes. Sie war schön, trotz aller Stürme, Kälte, Kälte, Nässe, Nässe, Nässe“, schreibt der Autor in seinem Vorwort.

Man mag es ihm nicht so recht abnehmen. Normalerweise sind Engel-Bücher gespickt mit lustigen Anekdoten aus alten Kapitänszeiten. Im neuen Buch: Nichts. Die Geschichten so Dunkel wie die Region, in die Engel reiste. Keine augenzwinkernde Selbstironie, eher das leise Gefühl, da habe einer lediglich seine Autorenpflicht erfüllt.

Vielleicht liegt es daran, dass die angeheuerte Crew auf halbem Wege ausstieg, weil sie dringende Termine zu Hause hatte. Kein feines Seemannsverhalten. Einem Engel, Seemann aus Passion, tat das sicher weh. Dann der fehlgeschlagene Aufstieg auf den Beerenberg und der Beinaheverlust der „Sposmoker II“ in schwerem Sturm. Das ist einfach nichts Schönes dran.

Dennoch: Ein lesenswertes Buch für alle die, die aus Tradition einen Engel lesen. Und für die, die einmal im Polarmeer segeln wollen.

Gerd Engel, Kurs Gletscherfeuer, Ullstein, 189 Seiten, 7,95 Euro

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Arthur M. Neufeldt, "Törn in den Tod“

Sie taucht wie ein Nichts aus dem Meer auf. In stürmischer Nacht mitten in der Adria hangelt sie sich über die Reling auf die „Amica“. Claudius, Skipper des 16 Meter langen Bootes, reibt sich verdattert die Augen. „Das gibt's doch gar nicht“. Eine junge Frau. Vanja. Hinter ihm im Dunkel explodiert ein Motorboot. Ein Abenteuer besonderer Güte beginnt.

„Törn in den Tod“ von Arthur M. Neufeldt eröffnet die Thriller-Edition des Delius Klasing Verlages. Ein klassischer Krimi, der den Helden Claudius in die politischen Wirren zwischen Staatsgewalt, Geheimdienst und Mafiaintrigen im zerbrechenden Jugoslawien verwickelt. Der Plot macht Sinn, ist keine Minute verwirrend. Erst auf den letzten Seiten löst sich der Knoten. Ein bisschen sehr James-Bond-mäßig: Claudius verguckt sich in seine äußerst attraktive Begleitung.

Das Buch des Münchner Autors ist spannend von der ersten bis zu letzten Seite - auch, weil die Geschichte in einer Region angesiedelt ist, über die man für gewöhnlich wenig weiß. Neben politischen Verwicklungen spielt das Segeln in einem der schönsten Reviere Europas, der Adria, eine herausragende Rolle. Das Buch macht richtig Lust, an einem schönen Sommertag mit einer eigenen Yacht die Orte und Inseln des dramatische Geschehens rund um Claudius und Vanja zu erkunden.

Arthur M. Neufeldt, Törn in den Tod, Delius Klasing, 352 Seiten, 18 Euro

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Thomas Gately Brody, “Die letzte Regatta”

Hunter Worthington III hängt an der Saling der väterlichen Luxusyacht. Gestern noch war der 19-jährige Sprössling einer wohlhabenden Newporter Familie ein putzmunterer Regatta-Champ, heute ist er mausetot. Fernseh-Journalist Michael Carolina bohrt nach. Wer hat den jungen Worthington so sehr gehasst, dass er ihn umgebracht hat?

Brody strickt eine logische Geschichte um eine gestörte Vater-Sohn-Beziehung, die in einem Fiasko endet. Gleichzeitig gibt der Jurist und TV-Journalist einen Einblick in die versnobbte Gesellschaft im US-amerikanischen Newport und die vermeintlich feinen Regatta-Welt. Neid und Intrigen, gnadenlose Jagd nach Geld und olympischem Gold - hinter den Kulissen des Sportbusiness geht es hart zu.

Trotz einiger psychologischer Raffinessen: Das Buch bleibt langweilig. Die Geschichte dümpelt nach wenigen Seiten vor sich hin. Als Nebenschauplatz übernimmt Michael Carolinas Privatleben nach und nach einen wichtigen Part im Buch. Der Leser fragt sich: „Warum?“. Die Alkoholprobleme von Carolinas Vater tragen wahrlich nicht zur Klärung des Falles bei. Sie dehnen die Story ins Unendliche. Lediglich Clara, Privat-Detektivin und Michaels Freundin, greift ermittelnd in den Fall ein. Allerdings von anderer Seite.

Am Ende ist es nicht einmal besonders erstaunlich, wer warum Hunter Worthington III ermordet hat. Das Finale entlockt einem eher ein müdes „Aha“ und die Gewissheit, dass das Buch nicht in die Top-Ten der persönlichen Bestseller einsteigt.

Thomas Gately Brody, Die letzte Regatta, Delius Klasing, 288 Seiten, 18 Euro

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Klaus Nölter, Johanna Michaelis, "Der erfüllbare Traum“

Einmal um die große, weite Welt segeln: Klaus Nölter und Johanna Michaelis erfüllen sich diesen Traum. Mit ihrer „Ole Hoop“ reisen sie drei Jahre über die Weltmeere, zu anderen Menschen in andere Länder. Und kommen zu der Erkenntnis: Weltumsegler sind keine Ausnahmemenschen. Jeder, der es wirklich will, kann sich den Traum erfüllen.

Wie es geht, zeigen sie uns in ihrem Buch „Der erfüllbare Traum“, das Delius Klasing zum Herbst neu auf den Markt gebracht hat. „All unsere geistigen, physischen und psychischen Kräfte, auch das Ertragen von Unbequemlichkeiten und Strapazen werden notwenig sein, um unser Ziel zu erreichen. Doch wir versprachen uns ein Maß an Befriedigung und Erfüllung, das kaum ein anderer Arbeits- und Lebensbereich noch bieten konnte“, ist das Paar überzeugt. Sie kaufen ein Boot, rüsten es aus, geben ihre Jobs auf. „Johanna hatte als Beamtin die Sicherheit nach drei Jahren Beurlaubung wieder eingestellt zu werden.“ Eine angenehme Voraussetzung. Dann geht es nach drei Jahren intensiver Vorbereitung einmal um die Welt.

Es liest sich einfach, aber es ist schwerer, als man denkt: das Aussteigen. Die beiden Hamburger versuchen, mit ihrem Buch zu zeigen, dass es geht, wenn man nur will. Das reicht aber nicht. Letztlich bleibt ihre Geschichte leider eine unter vielen in dem Einheitsbrei an Weltumseglerliteratur. Es ist zwar ganz nett zu lesen, wie die beiden sympathischen Segler den Atlantik überqueren, bei den Kuna-Indianern auf den St. Blas-Inseln leben, die Schattenseiten Polynesiens kennenlernen und am Ende wieder heil in Hamburg landen. Die Story lässt sich schnell und ohne Hänger weg lesen. Aber am Ende legt man das Buch zurück ins Schapp - und hat nach wenigen Tagen vergessen, was drin steht.

Klaus Nölter, Johanna Michaelis, Der erfüllbare Traum, Delius Klasing, 280 Seiten, 12 Euro

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Rudolf Wagner, "Kokosnüsse satt"

Rudi Wagner weiß, wovon er schreibt. Er ist ein alter Hase auf dem Wasser. 20 Jahre lang ist er in der Karibik von Insel zu Insel gesegelt. Ein Lebenskünstler, unterwegs mit seinem Katamaran „Eilandhopper“, Bordfrau und Sohnemann. Leider hat er ein Problem: Er kann nicht schreiben.

„Atmosphärisch dicht“ soll das Buch sein. Leben unter Palmen, aber auch die Schattenseiten des Paradieses sollen nicht zu kurz kommen. Schön, nur muss der Leser erst einmal dazu vordringen. Die ersten Seiten des Buches zu überstehen, bedarf einer ungeheuren Ausdauer und Geduld. Schon die zeitliche Einordnung des Geschehens muss clever kombiniert werden.

Los geht es wohl irgend wann 1968. Aber dann: Nach fünf Seiten geht der Faden verloren, weil der Autor in den Zeiten springt, Inhalte und Sätze derart verschachtelt, dass man entnervt den Schinken weg legt. Von der schlichten Beschreibung des Bootsbaus schlägt der Autor einen Bogen zur Philosophie des Aussteigens. Und fragt sich putzigerweise selbst: „Wie waren wir eigentlich auf dieses Thema gekommen?“ Keine Ahnung.

Nett gemeint, der Welt den „sehr persönlich gehaltenen Lebensbericht“ Rudolf Wagners mitzuteilen - geschrieben mit „der unerschöpflichen Phantasie des geborenen Romanciers“. Wer durchhält, darf zur Belohnung einmal um die Welt segeln. Alleine.

Rudolf Wagner, Kokosnüsse satt, Delius Klasing, 320 Seiten, 12 Euro

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